Die neuen Kleinen für die Kuschelecke

Daybed Senckenberg

Sie sind zurück: Récamiere und Chaiselongue waren im 18. und 19. Jahrhundert Luxusmöbel, die in jedem betuchteren Haushalt standen. Für das moderne Wohnzimmer war das bis vor kurzem nichts: Es brauchte mächtige, kuschelige Sofalandschaften. Doch das ändert sich jetzt.

Sie nennen sich Daybed, Récamiere und Chaiselongue – oder auf Deutsch einfach Sitzliege. Sie wirken manchmal wie sehr bequeme Gartenliegen oder meist wie die kleinen Vorgänger des Sofas, auf denen sich einst adelige Damen den Tag vertrieben. Neben dem Sessel drängt derzeit eine ganze Reihe solcher Sofa-Alternativen auf den Markt.

Ihr Merkmal: Meist passt nur ein Mensch darauf, und meist kann er die Beine ausstrecken oder sich sogar hinlegen. Das Interessante: Diese Möbel bedienen gleich drei Bedürfnisse und passen zu den Wohnraum-Entwicklungen der vergangenen Jahre.

Kleinere Möbel sind gefragt

Die Landflucht hält an, immer mehr Menschen ziehen in die Städte. Die hohen Mieten drängen die Großstädter zusätzlich in kleinere Wohnungen. „Hier werden kleine Möbel gebraucht“, sagt Ursula Geismann von Verband der Deutschen Möbelindustrie. Hinzu kommt: Es gibt immer mehr Single-Haushalte. Bei durchschnittlich 43 Quadratmeter pro Kopf bleibt nicht viel Platz für eine Sofalandschaft. Die kleineren Varianten sind ebenso gemütlich.

Geismann sieht die kleinen Möbel auch als Chance, schnell mal die Optik des Raumes zu verändern – auch in großen Häusern und Wohnungen. „In den offen gestalteten Grundrissen vieler Neubauten kann man bei der Gestaltung flexibler sein.“ Kleine Möbel lassen sich schnell hochheben sowie einfach verschieben und geben so dem Raum immer wieder eine neue Optik.

„Hier passt nicht immer eine fünf bis sieben Quadratmeter große Sofalandschaft hinein“, findet Geismann. Zumal sich viele heute auch nicht mehr an große Möbel und damit eine gleichbleibende Optik des Wohnzimmers für zehn Jahre binden wollen.

Alte Designs sind beliebt

Aber auch ganz allgemein in der Möbelproduktion gibt es einen Rückgriff auf alte Designs, und alte Formen leben wieder auf. Auch die alten Sofavorgänger kommen zurück – wie die Chaiselongue aus dem 18. Jahrhundert, im Englischen als Longchair bekannt. Übersetzt heißt das „langer Stuhl“, bekannt ist es auch als Römersofa, denn ihr Vorgänger ist antik. Auf so einem Möbel saß oder lag möglicherweise Cäsar und aß Weintrauben.

Es handelt sich im Grunde um einen Stuhl oder Sessel mit Fußraum. „Diese Stücke standen früher in jedem guten Haushalt“, berichtet die Trendanalystin Gabriela Kaiser. „Ihre Formen sind aber auch heute noch interessant: Sie haben eine schöne Asymmetrie.“ Die Récamiere, ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert, ist der Chaiselongue ähnlich, hat aber zwei hochgeschwungene Armlehnen und keine Rückenlehne.

Es muss also die Frage erlaubt sein, ob es keine neuen Ideen mehr auf dem Markt gibt? „Doch“, betont Kaiser. Aber der Rückgriff auf geschätzte Formen sei logisch: „Diese Stücke wirken in unseren Augen sehr modern, denn es handelt sich um relativ reduzierte Formen.“ Und die Designer lassen zwar die alten Ideen, nicht aber die komplette Gestaltung von früher wieder aufleben.

Kuschelige Ecken sind angesagt

Die Menschen legen aktuell sehr viel Wert auf die Einrichtung ihres Zuhauses: einerseits zur Repräsentation, denn durch die Einrichtung zeigt man, wer man ist. Andererseits ist man auch wieder gerne viel zu Hause: Man zieht sich zurück, kuschelt und nistet sich ein. So sprach man auf der Internationalen Möbelmesse IMM Cologne in Köln Anfang des Jahres beispielsweise sogar von der „neuen deutschen Gemütlichkeit“.

Hier kommt den Sofa-Alternativen laut Kaiser eine besondere Rolle zu. Sie ersetzen in den größeren Wohnungen und Häusern nicht die Sofas, sondern dienen als Ergänzung. „Ich glaube, dass die Menschen, die ein paar Quadratmeter mehr zur Verfügung haben, sich diese Möbel als Lese- und Rückzugsecke in den Raum holen“, sagt Kaiser. „Es ist ein Wohlfühlort, an dem man auch mal alleine sein kann.“

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